Erinnern Sie sich noch? – Der Leichenwagen

Erinnern Sie sich noch? – Der Leichenwagen

Das kleine Mädchen geht noch nicht zur Schule. Es spielt im kleinen Garten, der zum kleinen Haus gehört. Die Straße vorm Haus ist nicht gepflastert oder geteert. In den Löchern dieser unbefestigten Straße bilden sich nach Regengüssen herrliche Pfützen, die von den Kindern barfuß genutzt werden.

Heute hört sie, wie so oft, das Trappeln der Pferde. Sie kennt die Tiere. Sie gehören dem Bauer Keilhauer. Heute ziehen sie keinen Heu oder Erntewagen. Langsam laufen sie, als zögen sie eine
kostbare Fracht.

Der Kutscher sitzt auf dem Kutschbock, vor einem großen Kasten. Er trägt einen komischen Hut auf dem Kopf und dunkle Kleidung. Das kleine Mädchen bewundert den schwarzen Kasten mit seinen herrlichen weißen Verzierungen und die schönen Laternen am Kutschbock. In der Mitte des Wagens befinden sich Glasscheiben mit geschliffenem Glas.

Es ist eigenartig ruhig in den Gärten der Nachbarschaft.

Jetzt tritt die Großmutter in schwarzer Kleidung aus dem Haus. An ihrer Kopfbedeckung befindet sich ein kleiner schwarzer Schleier, der ihre Augen verdeckt. Erst jetzt bemerkt das Kind, dass hinter dem großen Wagen Menschen laufen und es werden immer mehr. Auch die Großmutter gehört nun mit dazu. Im Vorbeigehen hat sie noch eine ihrer Lieblingsrosen abgebrochen und legt sie über den Arm. Eine schöne Rose mit langem Stiel. Fast alle Anwohner der Straße begleiten jetzt das Gespann. Nur Einer fehlt. Ihm gilt diese Ehrerbietung. Er war in seiner Wohnung verstorben und wurde nun im Sarg zur Friedhofshalle gebracht. So erklärt es die Großmutter dem Kind, als sie nach zwei Stunden wieder zurückkommt. Sie sprechen über Tod und Geburt und dass beides zum Leben gehört, dass der Männerhut Zylinder heißt und die Menschen gegenseitig Trost brauchen, wenn jemand einsam geworden ist.

Die Nachbarn und viele Bewohner des Dorfes warten nun auf den Tag des Begräbnisses. Eine große Feier wird es geben und das kleine Mädchen weiß nun, dass man nach einer Traurigkeit auch wieder froh werden darf.

Den Leichenwagen hat das Mädchen später noch mehrmals gesehen, aber es hat nie erfahren, wo die Gemeinde Taura den Wagen untergestellt hatte.


Annette Richter
September 2023

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